Solothurn im Ersten Weltkrieg

Obwohl die Schweiz von den Kriegshandlungen im Ersten Weltkrieg verschont geblieben ist, hatte dieses historische Ereignis einen grossen Einfluss auf das Leben der Schweizerinnen und Schweizer. Auch Solothurn konnte sich den Folgen des Krieges nicht enziehen.
Der Erste Weltkrieg wird oft als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Anders als zu Beginn des Krieges geglaubt, war dieser zu einer mehrjährigen Materialschlacht geworden, die insgesamt über 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Als neutraler Staat war die Schweiz am Krieg nicht direkt beteiligt. Indirekt hatte der Krieg für das Land aber tiefgreifende Folgen. Auch in Solothurn hat der Krieg Spuren hinterlassen. Einige sogar bis heute.
Ulrich Willes Wechsel vom Roten Turm ins Bellevue
Nach Ausbruch des Krieges wurde Ulrich Wille am 3. August 1914 zum General gewählt. Er trat während seiner gesamten Militärkarriere für eine konsequente Modernisierung der Schweizer Armee nach preußischem Vorbild ein. Seine Ausbildungsziele setzte er mit Drill und Disziplin durch, was ihn zu einer ziemlich umstrittenen Figur machte.
Solothurn lernte er schon vor seiner Zeit als General kennen: Während des Deutsch-Französischen Kriegs, im Sommer 1870, übernachtete der damals noch junge Offizier Wille auf dem Marsch seiner Batterie ins Welschland in Solothurn – im Roten Turm. Als General war ihm dann das Traditionshaus wohl nicht mehr gut genug. Er richtete sein Hauptquartier in der Bundeshauptstadt ein. Und zwar im ersten Hotel am Platz: im Hotel Bellevue.
Soldatenheim im Burisgraben
Am Montag, 3. August 1914, kam es zur ersten Generalmobilmachung der Geschichte der Schweiz: Mit knapp 220.000 mobilisierten Männern sowie 45.000 Pferden handelte es sich um das größte Aufgebot der damaligen Schweizer Wehrgeschichte. Natürlich waren damit Soldaten auch aus dem Solothurner Stadtbild nicht mehr wegzudenken.
Im Burisgraben oder „Chüngeligraben“, wie ihn die Solothurnerinnen und Solothurner nennen, führten die Sozialdienste der Armee neben der Zufahrt zum Franziskanertor ein Soldatenheim. Neben einem ausgeprägten Wirtshauscharakter war das Heim eine Etappensanitätsanstalt für durchmarschierende Soldaten. Man wollte mit der Errichtung des Heims vor den Toren der Altstadt verhindern, dass sich die Patienten in den Wirtshäusern der Stadt herumtrieben und Krankheiten verbreiteten.
Ob die Solothurner Wirte über dieses Vorgehen begeistert waren, ist nicht überliefert. Für Umsatz in den Solothurner Wirtshäusern dürfte aber ein anderes Ereignis gesorgt haben: Im Frühling 1915 defilierte das Solothurner Infanterieregiment 11 unter dem Kommando des damaligen Stadtammanns Hans Jecker in Solothurn vor General Wille. Das Regiment kehrte nach langem Grenzdienst im Tessin nach Hause zurück.

Ein Kuchen mitten im Krieg
Die Kriegszeit war geprägt von militärischen Aspekten – aber nicht nur. Im Kriegsjahr 1915 entwickelte Albert Studer den „Solothurner Kuchen“. Wer ihn kennt, weiß, dass es sich bei dieser Kreation keineswegs um ein Produkt des Mangels handelt. Und so zeigt sich an der Erfindung einer Delikatesse ausgerechnet in den Kriegsjahren die wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt und im Kanton Solothurn.
Es gab also auch während des Ersten Weltkriegs in der Solothurner Gesellschaft Schichten, die sich einen solchen Luxus ohne Probleme leisten konnten. Dies, weil die gesamte Solothurner Industrie während des Ersten Weltkriegs – vor allem in den Kriegsjahren 1915 bis 1917 – förmlich aufblühte. Die Metall-, die Maschinen- und die Uhrenindustrie produzierten Waffen und Munitionsteile für beide Seiten der Front.
Erstaunlich dabei: In keinem anderen Schweizer Kanton stieg der steuerbare Ertrag in den Kriegsjahren so sehr an wie in Solothurn.

„Den Beschützern der Heimat“
Nebst dem „Solothurner Kuchen“ findet man in Solothurn ein weiteres Relikt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs: Am 22. Juni 1922 wurde im Stadtpark, nordöstlich der St. Ursen-Bastion, eine Skulptur auf einem runden Sockel eingeweiht.
Das sogenannte Soldaten-Denkmal steht noch heute und soll unter der Inschrift „Den Beschützern der Heimat“ an die im Aktivdienst des Ersten Weltkriegs verstorbenen Solothurner erinnern. 1956 wurde das Denkmal leicht versetzt und mit Gedenktafeln mit Namen der im Aktivdienst des Zweiten Weltkriegs verstorbenen Soldaten erweitert.
Doch Moment: Verstorbene Schweizer Soldaten in einem Weltkrieg, an dem die Schweiz gar nicht direkt beteiligt war?
Die Erklärung ist epidemischer Natur: Schuld am Tod der Soldaten waren nicht etwa Kampfhandlungen an der Front. Die meisten Toten gehen auf das Konto der Spanischen Grippe. 1918 gab es nämlich zwei große Grippewellen, die im Kanton Solothurn gegen 1000 Menschen dahinrafften.
© Hotel Restaurant Roter Turm