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Ernst Marti 1905 Der Wirtssohn der Arzt wurde
Ernst Marti, 1905

Der Wirtssohn, der Arzt wurde

In der langen Geschichte des Roten Turms gab es immer wieder besondere Wirtefamilien. Zu diesen legendären Familien gehörten zweifelsohne die Marti-Kisslings, deren Tochter Fanny Schleeh-Marti im letzten «Turmwächter » unter andern vorgestellt wurde. Fannys Bruder, Ernst Marti, schlug einen ganz anderen beruflichen Weg ein – er wurde Arzt. Sibylle E. Quillet-Marti ist die Tochter von Ernst und eine leidenschaftliche Familienforscherin. Sie erinnert sich mit grosser  Bewunderung an ihren Vater zurück.

Die Familie Marti-Kissling kam ganz zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach Solothurn, wo sie 1914 den Roten Turm übernahm. Später wurden die Martis dessen Besitzer. Bevor die Familie in die Stadt zog, wirteten sie im «Bad Klus», einem Gasthof mit zugehörigem Bauernbetrieb und Bierdepot. Der Umzug in die Stadt war für den einzigen Sohn der Familie – die männlichen Zwillinge, geboren ein Jahr vor Ernst, lebten nur einen Tag – ein grosser Wechsel. «Der Bueb», wie ihn seine Eltern und Schwestern zur Unterscheidung mit dem Vater nannten, hatte die Klus und das ländliche Leben sehr genossen.


«Menu 1 oder Menu 2?»

Schon früh wurde klar, dass der 1903 geborene Ernst dem elterlichen Geschäft nicht allzu viel abgewinnen konnte. So gab es beispielsweise kaum ein Familiengefühl bei den Martis. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Arbeit war für alle hart und Zeit für gemeinsames Essen blieb praktisch nie. Die normale Frage lautete für die Marti-Kinder damals: «Menu 1 oder Menu 2?». Und gefragt wurden sie nicht von der Mutter, die in der Küche beschäftigt war, sondern von einer
Serviertochter. Als Ernst in seiner Zeit in der Kantonsschule Freundschaft mit der damaligen christkatholischen Pfarrersfamilie Stocker geschlossen hatte, erlebte er dort zum ersten Mal einen intensiven Familienzusammenhang.

 

Ernst Fanny und Mathilde Marti um 1914 Der Wirtssohn der Arzt wurde
Ernst, Fanny und Mathilde Marti, um 1914

Cäsar aus dem Stegreif

Ernst Marti schloss die Kantonsschule mit der Matur ab und wollte ursprünglich Pfarrer werden. Er lernte Hebräisch, Griechisch und Latein. Auch in späteren Jahren war das Latein immer noch präsent, und er konnte Texte von Cäsar fliessend und aus dem Stegreif übersetzen. In einer gewissen Zeit hatte er auch auffallend viele griechische Patienten. Nachdem er einem griechischen Arbeiter geholfen hatte, hatte es sich bei seinen Landsleuten herumgesprochen, dass man sich mit Dr. Marti dank seiner klassischen Griechischkenntnisse wenigstens in etwa verständigen konnte.

Fürs Kranksein hatte man keine Zeit

Nach seiner Matur, die er mit der Höchstnote abschloss, entschied sich Ernst Medizin zu studieren. Schon früh hatte er mit ansehen müssen, wie die damaligen Ärzte beinahe hilflos waren, wenn sein Vater nicht essen konnte (wegen eines Magengeschwürs) und die Mutter sich hinlegen musste (wegen eines Herzfehlers). Schicksal: Kaum hatte Ernst 1929 sein Medizinstudium abgeschlossen, starb eine seiner zwei Schwestern, Elise Mathilde, an Tuberkulose.


Zuflucht für jüdische Flüchtlinge

Schon seit seiner Studienzeit in Wien und in Deutschland hatte Ernst Marti jüdische Freunde. Auch in Basel, wo seine Praxis nahe der Synagoge war, zählte der damalige Rabbi zu seinem Freundeskreis. Da die Arztpraxis im Wohnhaus der Familie untergebracht war, konnte von niemandem kontrolliert werden, wer da warum ein und aus ging. Manchmal sassen fremde Leute bei Martis am Mittagstisch. Nach ein paar Tagen waren sie dann wieder verschwunden. Ein jüdischer Arzt blieb aber während drei Jahren. Die Marti-Kinder kannten die Namen der Gäste nicht. Das war natürlich eine Sicherheitsmassnahme. Die Wohnung der Martis: Eine Zufluchtsstätte für jüdische Flüchtlinge – nur ein paar Kilometer von Nazi-Deutschland entfernt.

 

Familie Ernst Marti Kissling 1923 Der Wirtssohn der Arzt
Familie Ernst Marti-Kissling, 1923

Späte Anerkennung

Ernst Marti-Kissling, der Vater von Ernst, ehemaliger Turmwirt, hat zeitlebens nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seinen Sohn lieber im Gastgewerbe als in der Arztpraxis gesehen hätte. Mit zunehmendem Alter lernte Vater Ernst die Vorzüge professioneller medizinischer Pflege durch den Sohn schätzen. Auf dem Totenbett schliesslich kam die väterliche Anerkennung für den Beruf des Sohnes. Kurz bevor Ernst Marti-Kissling 92-jährig starb, sagte er zu seinem Sohn sinngemäss: «Es ist doch gut, bist du Arzt geworden.»